Die Ausgangslage

Die Kaltwalz GmbH (fiktives Beispiel) ist ein mittelständisches Walzwerk in Süddeutschland. Für das vierte Quartal 2024 benötigt das Werk 1 MW Grundlast und bezieht den Strom zum Phelix-Index. Das entspricht 2.208 MWh.

Positionsübersicht, 1. März 2024Wert
Bezugsmenge Q4 20241 MW Baseload (2.208 MWh)
Phelix-Forward Q4 2024 heute75 €/MWh
Beschaffungskosten bei 75 €166 k€
Forward-Niveau vom 1. Juli 2023132 €/MWh
Beschaffungskosten bei 132 €291 k€
Mögliche Mehrkosten125 k€

Im Juli 2023 lag der Forward für dasselbe Quartal noch bei 132 €/MWh. Heute steht er bei 75 €/MWh. Die Gesellschafter wollen verhindern, dass die hohen Preise zurückkehren: Ein Rückfall auf 132 € würde das Werk 125 k€ mehr kosten.

Den Strom jetzt per Forward zu kaufen, würde 75 € festschreiben, aber auch jede weitere Preissenkung verschenken. Eine einfache Call-Option dagegen kostet Prämie, und das ist in der Geschäftsführung schwer zu vermitteln: „Das ist nur Geld, das weg ist.“

Die Strategie: Zero-Cost-Collar

Der Finanzchef schlägt eine Struktur vor, die den Schutz vor steigenden Preisen finanziert, indem das Werk auf einen Teil der Vorteile bei stark fallenden Preisen verzichtet:

  • Call-Option kaufen: Strike 122 €/MWh, Laufzeit September 2024. Das Werk zahlt eine Prämie und ist damit gegen Preise über 122 € geschützt.
  • Put-Option verkaufen: Strike 50 €/MWh, Laufzeit September 2024. Das Werk erhält eine Prämie und verzichtet dafür auf Vorteile unterhalb von 50 €.

Die beiden Prämien gleichen sich weitgehend aus. Das Werk ist gegen Preise über 122 €/MWh abgesichert, ohne vorab nennenswert zu zahlen.

Bepreisung der Optionen

Beide Optionen werden mit dem Black-Scholes-Modell bepreist (vereinfachtes Modell, ohne Geld-Brief-Spanne). Marktdaten am 1. März 2024:

ParameterWert
Aktueller Preis75 €/MWh
Volatilität (annualisiert)40 %
Zinssatz (10-jährige Bundesanleihe)2,5 %
Strike Call122 €/MWh
Strike Put50 €/MWh
LaufzeitSeptember 2024

Am ersten Tag sind beide Optionen aus dem Geld und haben nur Zeitwert:

OptionPreisDeltaPositionEffektives Delta
Call 122 €0,68 €+0,08Gekauft+0,08
Put 50 €0,65 €−0,06Verkauft+0,06

Das Werk zahlt 0,68 € für den Call und erhält 0,65 € für den Put. Die Nettoprämie beträgt etwa 0,03 €/MWh, bei 2.208 MWh rund 66 €. Mit einer kleinen Anpassung des Put-Strikes lässt sie sich auf null stellen.

Das kombinierte Options-Delta beträgt +0,14. Ohne Absicherung verliert das Werk bei steigenden Preisen eins zu eins (Delta −1,0). Mit dem Collar sinkt die Preisabhängigkeit auf −0,86. Das ist eine moderate, aber sofortige Risikoreduktion.

Welchen Schutz bietet der Collar?

Der gekaufte Call begrenzt die Beschaffungskosten nach oben: Egal wie hoch der Phelix im vierten Quartal abrechnet, das Werk zahlt effektiv höchstens 122 €/MWh. Steigt der Preis auf 160 €, gleicht der Call die Differenz von 38 € aus. Daraus ergibt sich ein effektives Preisband:

Obergrenze: 122 €/MWh (Call-Strike, maximaler Schutz gegen hohe Preise)
Untergrenze: 50 €/MWh (Put-Strike, darunter entfällt der Preisvorteil)

Zwischen 50 € und 122 € profitiert das Werk voll von Preisbewegungen, in beide Richtungen. Oberhalb von 122 € schützt der Call. Unterhalb von 50 € gibt das Werk den Vorteil an den Käufer des Puts ab.

Die versteckten Kosten: das Put-Risiko

Es gibt kein kostenloses Mittagessen. Der verkaufte Put, der den Call finanziert, bringt ein neues Risiko: Rechnet der Phelix im vierten Quartal unter 50 €/MWh ab, schuldet das Werk dem Put-Käufer die Differenz.

Zahlung = (50 €/MWh − Abrechnungspreis) × Menge

Bei einem Abrechnungspreis von 30 € wären das 20 €/MWh × 2.208 MWh, also rund 44.000 €. Dem steht zwar ein günstigerer physischer Strombezug gegenüber, sodass das Werk unterhalb von 50 € effektiv immer 50 € zahlt. Der Preisvorteil geht aber verloren. Hinzu kommt der Liquiditätsbedarf: Für verkaufte Optionen, die über die Börse abgewickelt werden, sind Sicherheitsleistungen (Margin) zu hinterlegen.

Dieses Risiko lässt sich aktiv durch Delta-Hedging steuern. Fällt der Preis in Richtung 50 €, steigt das Delta des verkauften Puts. Ein disziplinierter Risikomanager reduziert diese Position schrittweise, indem er Forward-Mengen verkauft. Damit wird aus dem statischen Collar ein dynamischer Hedge, der den entgangenen Preisvorteil begrenzt.

Fazit

Der Zero-Cost-Collar gibt der Kaltwalz GmbH, was die Gesellschafter tatsächlich wollen: eine Obergrenze von 122 €/MWh für die Beschaffung, keine nennenswerte Prämie vorab und den Vorteil sinkender Preise zwischen 122 € und 50 €. Der Preis dafür, der Verzicht auf Vorteile unterhalb von 50 €, ist beherrschbar, wenn das Delta des verkauften Puts aktiv überwacht wird.

Die Struktur funktioniert, weil sie die Frage verschiebt. Statt „Was kostet die Absicherung?“ lautet sie: „Auf welchen Vorteil bin ich bereit zu verzichten, um mich gegen steigende Preise zu schützen?“ Für ein Unternehmen mit knappem Budget ist das oft die richtige Frage.

Fiktives Beispiel mit vereinfachter Bepreisung, keine Anlage- oder Rechtsberatung. Reale Konditionen hängen von Marktlage, Kontrahent und Abwicklung ab.